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Recovery heißt nicht: Alles muss wieder werden wie vorher

Autorenbild: Xenia Gerresheim
Xenia Gerresheim
25. Aug.
4 Min. Lesezeit

Recovery heißt nicht: Alles muss wieder werden wie vorher


Was personale Recovery und Logopädagogik miteinander verbindet


Wenn wir von Genesung sprechen, denken wir häufig an ein klares Ziel: Eine Erkrankung ist überwunden, Symptome verschwinden, der Mensch ist wieder gesund.


Bei psychischen Erkrankungen und länger anhaltenden seelischen Belastungen greift diese Vorstellung oft zu kurz.


Hier setzt das Konzept der personalen Recovery an.


Recovery bedeutet in diesem Verständnis nicht zwangsläufig Heilung oder Symptomfreiheit. Es geht vielmehr darum, trotz psychischer Belastungen, Einschränkungen oder einer Erkrankung ein Leben zu entwickeln, das als selbstbestimmt, sinnvoll und lebenswert erlebt wird.


Der Psychologe William A. Anthony, einer der wichtigen Wegbereiter des Recovery-Ansatzes, beschrieb Recovery bereits 1993 als einen sehr persönlichen und individuellen Veränderungsprozess. Einstellungen, Werte, Gefühle, Ziele, Fähigkeiten und Rollen können sich verändern. Im Mittelpunkt steht die Möglichkeit, ein befriedigendes, hoffnungsvolles und sinnvolles Leben zu führen, auch wenn Einschränkungen durch eine psychische Erkrankung bestehen bleiben.


Das verändert die Perspektive.


Die Frage lautet nicht mehr ausschließlich:

„Wie werde ich wieder so wie vorher?“


Sondern vielleicht:

„Wie kann mein Leben mit dem, was jetzt ist, gut weitergehen?“



Personale Recovery richtet den Blick auf den Menschen und seine individuelle Lebensgestaltung.


Dabei spielen unter anderem Hoffnung, Selbstwirksamkeit, Identität, Verbundenheit, Sinn und Selbstbestimmung eine zentrale Rolle.


Das bedeutet keineswegs, psychische Erkrankungen kleinzureden oder notwendige medizinische und psychotherapeutische Behandlung infrage zu stellen. Im Gegenteil.


Behandlung und personale Recovery können sich ergänzen.


Während medizinische und psychotherapeutische Behandlung beispielsweise auf Symptome, Stabilisierung und therapeutische Veränderungsprozesse ausgerichtet sein kann, stellt personale Recovery zusätzlich eine andere Frage:


Was brauche ich, um mein Leben als mein Leben erleben und gestalten zu können?


Und genau an dieser Stelle entsteht eine interessante Verbindung zur Logopädagogik nach Viktor Frankl.


Nicht alles können wir verändern, aber wir können uns dazu verhalten.

Viktor Frankl stellte die Suche nach Sinn in den Mittelpunkt seiner Arbeit.

Dabei geht es nicht um ein einfaches „positives Denken“. Auch nicht darum, schwierigen Erfahrungen unbedingt einen Sinn geben zu müssen.


Manches bleibt schmerzhaft.

Manches bleibt ungerecht.

Manches können wir nicht verändern.


Die logopädagogische Perspektive fragt deshalb vielmehr:


🟢 Wo besteht trotz allem noch ein persönlicher Gestaltungsspielraum?


🟢 Welche Werte sind mir wichtig?


🟢 Was möchte ich in meinem Leben verwirklichen?


🟢 Was oder wer ist mir bedeutsam?


🟢 Welche Haltung möchte ich gegenüber einer Situation einnehmen, die ich selbst nicht verändern kann?


Frankls Menschenbild enthält dabei einen Gedanken, der sich bemerkenswert gut mit personaler Recovery verbindet:


Der Mensch ist mehr als das, was ihm widerfährt.

Eine Diagnose kann einen Teil der eigenen Lebenswirklichkeit beschreiben. Sie beschreibt jedoch nicht den ganzen Menschen.


Hoffnung ist kein Heilungsversprechen


Gerade bei psychischen Erkrankungen kann Hoffnung leicht missverstanden werden. Hoffnung bedeutet nicht:

„Alles wird wieder gut.“


Und sie bedeutet auch nicht:

„Wenn du nur genug an dir arbeitest, wirst du wieder gesund.“


Beides wäre weder fachlich angemessen noch fair gegenüber Menschen, die mit langanhaltenden oder wiederkehrenden psychischen Erkrankungen leben.


Recovery eröffnet eine andere Form von Hoffnung:


Auch wenn nicht alles veränderbar ist, kann Entwicklung möglich sein.


🟢 Vielleicht verändern sich Symptome.


🟢 Vielleicht verändern sich Lebensbedingungen.


🟢 Vielleicht verändert sich der Umgang mit einer Erkrankung.


🟢 Vielleicht entstehen neue Beziehungen, Aufgaben oder Rollen.


🟢 Vielleicht wird deutlicher, was im eigenen Leben wirklich wichtig ist.


Recovery verläuft dabei nicht geradlinig. Krisen, Rückschritte und Zeiten größerer Stabilität können dazugehören.


Von „Was stimmt nicht mit mir?“ zu „Was ist mir wichtig?“


Diese Verschiebung gefällt mir besonders an der Verbindung von personaler Recovery und Logopädagogik. Der Blick geht weg von einer ausschließlich defizitorientierten Betrachtung hin zu Fragen wie:


🟢 Was trägt mich?


🟢 Was gibt meinem Leben Bedeutung?


🟢 Was kann ich gestalten?


🟢 Welche Ressourcen stehen mir zur Verfügung?


🟢 Welche Menschen und Beziehungen tun mir gut?


🟢 Welche Werte möchte ich leben?


🟢 Und wer möchte ich sein, auch wenn nicht alle Bedingungen meines Lebens frei gewählt sind?


Das bedeutet nicht, Leid umzudeuten oder Symptome wegzuerklären.

Es bedeutet, dem Menschen neben seiner Erkrankung wieder mehr Raum zu geben.


Ein gutes Leben muss nicht das alte Leben sein. Vielleicht liegt darin einer der wichtigsten Gedanken von personaler Recovery:


Das Ziel muss nicht unbedingt sein, wieder der Mensch zu werden, der man vor einer Krise oder Erkrankung gewesen ist. Manchmal entsteht etwas Neues.


Andere Prioritäten.

Andere Grenzen.

Andere Vorstellungen davon, was ein gutes Leben bedeutet.


Personale Recovery fragt deshalb weniger nach einer Rückkehr zu einem früheren Zustand. Sie fragt nach einem eigenen Weg nach vorn.


Die Logopädagogik ergänzt diese Perspektive um die Frage nach Sinn, Werten und persönlicher Haltung.


Beide Ansätze verbindet für mich ein zutiefst menschlicher Gedanke:


Ein Mensch ist niemals nur seine Diagnose, seine Krise oder seine gegenwärtige Einschränkung.


Und vielleicht beginnt Recovery genau dort. Nicht mit dem Versprechen, dass alles wieder wird wie vorher, sondern mit der Möglichkeit, herauszufinden, wie das eigene Leben von hier aus weitergehen kann.


Mit besten Wünschen

Xenia Gerresheim



Psychologische Beratung und Logopädagogik ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Diagnostik und Behandlung. Bei psychischen Erkrankungen können sie, abhängig von der individuellen Situation, begleitende und präventive Impulse zur Selbstreflexion, Orientierung und persönlichen Lebensgestaltung geben.

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